Universitätsprofessor Dr. Ernst Karl Winter

Personalia
Geboren:
Gestorben:
Beruf:
Verfolgung:
Flucht 11.03.1938
Mitgliedschaften
ÖCV:
Lebenslauf
Ernst Karl Winter kommt in Wien als ehelicher Sohn des Schriftstellers und Juristen Ernst Winter und seiner Gattin, der Schriftstellerin Mina Winter-Schottenfeld (eigentlich Wilhelmine Katharina, geborene Gsur, zur Welt. Nach der Volksschule absolviert er das Gymnasiums in Wien-Währing und meldet sich 1914 als Kriegsfreiwilliger zum Tiroler Kaiserschützenregiment Nr. II (gehörte zur k. k. Landwehr). Er befreundet sich mit dem ebenfalls sehr gläubigen und im gleichen Regiment dienenden Engelbert Dollfuss. Zu dem in akademischen Kreisen damals dominierenden deutschnationalen Gedankengut gerät er früh in Widerspruch. So verweigert er entsprechend der katholischen Doktrin ein Duell, zu dem ihn ein deutschnationaler Offizier wegen eines allzu kaisertreuen Artikels gefordert hatte. Damit verliert er die Möglichkeit auf eine Offizierskarriere.
1918 erlebt Ernst Karl Winter die Niederlage Österreich-Ungarns, die Zerschlagung der Doppelmonarchie und die Vertreibung des Hauses Habsburg. Früh kritisiert er als überzeugter Legitimist den pragmatischen Schwenk des bürgerlichen Lagers hin zur Republik. Im Sommer 1918 inskribiert Winter an der juridischen Fakultät der Universität Wien und tritt der Studentenverbindung Nibelungia bei. Er promoviert 1922 nach Vorlesungen bei Hans Kelsen, Othmar Spann und Max Adler, besucht aber bis 1924 weitere soziologische und historische Vorlesungen. Danach lebt er als Schriftsteller und Privatgelehrter. Am 21. Dezember 1922 heiratet er Margarethe Svoboda und wird in weiterer Folge Vater von acht Kindern.
Auf seine Initiative wird im Jahr 1927 unter Beteiligung von Hans Karl Freiherr Zeßner von Spitzenberg, August Maria Knoll, Alfred Missong, Wilhelm Schmid, u.a. die Österreichische Aktion geschaffen, die erstmals auf einer programmatisch-publizistischen Grundlage den Gedanken einer eigenständigen österreichischen Identität formuliert.
Der Versuch einer Habilitation als Soziologe mit einer Arbeit über die 'Sozialmetaphysik der Scholastik' misslingt, unter anderem weil Ernst Karl Winter den im Fach informell vorgeschriebenen Artikel für die rechtsextreme Deutschösterreichische Tages-Zeitung (DÖTZ) nicht zu schreiben bereit ist. Auch zwei weitere Versuche zu habilitieren scheitern an dem deutschnationalen Professorenkollegium. Ab 1930 leitet er den Gsur-Verlag seines Schwiegervaters, der sich als einziger österreichischer Verlag einem kompromisslosen Kampf gegen den Nationalsozialismus verschreibt. Generell sind seine Publikationen von seinem katholischen Glauben, seiner platonischen Philosophie und seiner schon früh gegen den Nationalsozialismus eingestellten politischen Linie gekennzeichnet. Er hat Einfluss auf den Soziologen August Maria Knoll, den Gründer der Paneuropa-Bewegung Richard Nikolaus Graf von Coudenhove-Kalergi, auf den Publizisten Alfred Missong und wahrscheinlich auch auf Eric Voegelin.
Berühmt wird Ernst Karl Winter durch seinen Versuch, in der Zeit zwischen 1927 und 1938 eine Versöhnung zwischen Christlichsozialen und Sozialdemokraten zur Abwehr des Nationalsozialismus einzuleiten. Bekannt ist seine politische Parole 'rechts stehen und links denken'. Vor allem zwischen April 1933 und Februar 1934, also in der Periode nach der sozialdemokratischen Februarrevolte, verficht er in den von ihm selbst edierten Wiener politischen Blättern aber etwa auch in der sozialdemokratischen Arbeiter-Zeitung diese Position mit geradezu verzweifelter Intensität. So publiziert er offene Briefe an Bundespräsident Wilhelm Miklas. Von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß wird er im April 1934 in einer Geste gegenüber der politischen Linken zum Dritten Vizebürgermeister in Wien bestellt.
Die 'Aktion Winter' beginnt mit Ernst Karl Winters Antritt des Amts als Vizebürgermeister und ist der Versuch, eine Brücke zwischen den Linken und Rechten zu schlagen, um die sozialdemokratische Arbeiterschaft dazu zu bewegen, an einer gemeinsamen Front gegen den Nationalsozialismus mitzuwirken. Winter beginnt regelmäßig 'Ausspracheabende'genannte Versammlungen zu organisieren, zu denen Arbeiter per Ankündigungen in der Presse und Plakaten eingeladen werden, und in denen relativ frei über Arbeiterrechte gesprochen werden kann. Da diese Veranstaltungen zunehmend turbulent ausfallen, wird die Teilnehmerzahl bald auf je 100 persönlich geladene Gäste reduziert. Wenngleich diese Veranstaltungen vielen Exponenten der autoritären Regierung (speziell dem Heimatschutz) missfalle, hat Ernst Karl Winter eine gewisse Rückendeckung durch Bundeskanzler Engelbert Dollfuß. Die Arbeiterschaft fasst jedoch nur zögernd Vertrauen in die 'Aktion Winter': Sie wollen vom Staat zuerst 'Taten der Versöhnung' sehen, Regierungsvertreter fordern aber von den Arbeitern ein 'Bekenntnis zum Staat', bevor sie ihnen entgegenkommen wollen. Winter versucht vergeblich, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.
Mit der der Ermordung von Bundeskanzler Engelbert Dollfuss im Rahmen des nationalsozialistischen Putschversuches am 25. Juli 1934 verliert Ernst Karl Winter seinen mächtigsten Unterstützer. Im Dezember 1934 wird von der neuen Regierung erstmals die Wochenzeitschrift 'Die Aktion', das Organ der 'Aktion Winter', konfisziert, weil ein abgedruckter Leserbrief den Tatbestand der 'Aufreizung' erfüllt. Im gleichen Monat wird die 'Aktion Winter' in Österreichische Arbeiter-Aktion (Ö.A.A.) umbenannt. 'Die Aktion' wird unter Vorzensur gestellt. Im März 1935 kündigt Bundeskanzler Kurt von Schuschnigg an, die Die 'Aktion Winter' in die Vaterländische Front einzugliedern, da Gefahr bestünde, dass die Aktion missbraucht würde, und es unerlässlich sei, alle 'Aufklärungs- und Schulungsarbeit im Einvernehmen mit den Landeshauptleuten' durchzuführen. Anfang April 1935 wird die Soziale Arbeitsgemeinschaft (SAG) gegründet, die als politische Interessensvertretung der Arbeiterschaft innerhalb der Vaterländischen Front konzipiert ist. Die Österreichische Arbeiter-Aktion (Ö.A.A.) entsendet Vertrauensleute in die Soziale Arbeitsgemeinschaft (SAG). Nachdem jedoch im Juni 1935 dem Gsur Verlag die Bewilligung zur Herausgabe der 'Aktion' entzogen wird, zieht sich die Österreichische Arbeiter-Aktion (Ö.A.A.) aus Protest aus der Soziale Arbeitsgemeinschaft (SAG) zurück, was praktisch das Ende der „Aktion Winter“ bedeutet.
Am 24. Oktober 1936 wird Ernst Karl Winter im Gefolge des Juliabkommens mit dem nationalsozialistischen Deutschland seines Bürgermeisterpostens enthoben, arbeitet aber weiterhin eng mit der österreichischen Bundesregierung zusammen und engagiert sich gegen den Nationalsozialismus.
Am 10. März 1938 ist er gerade auf einer, mit Bundeskanzler Kurt von Schuschnigg vereinbarten Bundesländer-Tour in Steyr. Am Abend zuvor hörte er die Bekanntmachung der Volksabstimmung für den 12. März 1938. Daraufhin schreibt der dem Bundeskanzler, dass er die Bundesländer-Tour abbrechen werde und zurück nach Wien kehren würde. Aufgrund der sich überstützenden Ereignisse des nächsten Tages flüchtet Ernst Karl Winter auf dringendes Anraten von Hans Kelsen in die Schweiz. Seine Familie muss er vorerst zurücklassen. Als die Gestapo am 14. März 1938 in das Haus der Familie Winter kommt und Ernst Karl nicht vorfinden kann, nehmen sie dessen ältesten Sohn Ernst Florian Winter mit auf die Polizeistation. Aufgrund der guten politischen Kontakte der Familie kann die Mutter Margerete jedoch erreichen, dass ihr Sohn bereits am selben Tag wieder nach Hause kommt. Nach einigen Tagen ruft Ernst Karl Winter seine Frau in Wien an und fordert sie auf, sofort gemeinsam mit den acht Kindern über Vorarlberg in die Schweiz nachzukommen. Aber auch vom Schweizer Bundesrat wird ihnen mitgeteilt, dass gegen ihre Familie ein Auslieferungsantrag an das nationalsozialistische Deutschland besteht. Deshalb flüchten sie mit Unterstützung des französischen Ministers Joseph Paul-Boncour weiter nach Frankreich. Von dort können sie mit Hilfe eines Korrespondenten der London Times nach England weiterreisen. Auf dem Weg dorthin besuchen sie die Familie Otto von Habsburg-Lothringens in Steenokkerzeel. Eigentlich will die Familie Winter in Großbritannien bleiben, doch erlaubt auch die dortige Regierung keine österreichische Exilregierung. Aus diesem Grund und auf Anraten von Oswald Redlich und Hans Kelsen entscheidet Ernst Karl Winter, mit seiner Familie in die USA auszuwandern. Im Oktober 1938 erreicht die Familie Winter schließlich als eine der ersten nicht jüdischen Emigrantenfamilien mit dem Schiff New York.
Da alle Ankommenden großes Heimweh haben und es zu diesem Zeitpunkt noch keine österreichischen Clubs gibt, treffen sich beinahe jeden Sonntag zahlreiche Emigranten im Farmhaus der Winters zu österreichischen Abenden. Anfang 1939 gründet Ernst Karl Winter in New York mit dem 'Austrian American Center' das erste überparteiliche Nationalkomitee. Dieses organisiert regelmäßige Demonstrationen und Aufmärsche und veröffentlicht wöchentliche Publikationen. Das Engagement dieser Gruppe wird auch vom US-Kongress sehr positiv wahrgenommen, was für alle Exilösterreicher u.a. bei der Arbeits- und Studiumswahl einen großen Vorteil bedeutet. Ernst Karl Winter erhält in New York eine Professur.
Während der Kriegszeit verfasst Ernst Karl Winter ein Buch mit dem Titel 'Geschichte des österreichischen Volkes', für das er jedoch keinen Verlag findet; erst 2018 wird das Manuskript gedruckt. Das Anliegen ist eine Sozialgeschichte, in welcher Winter zeigen möchte, worin sich die österreichische Bevölkerung von der deutschen unterscheidet: Ernst Karl Winter präsentiert 'jene Form der Verösterreicherung, in der Romanen, Slowenen und Bajuwaren ein neues Volk wurden, das sich der deutschen Sprache als seiner Lingua Franca bediente'.
Von diesem seinem Anliegen her beurteilt Ernst Karl Winter die Gegenreformation positiv, weil dadurch die germanische Reformation von Österreich abgewehrt wurde. Er meint, dass zur Zeit der Reformation in Österreich vor allem Priesterehe und Laienkelch angestrebt wurden, also ostkirchliche Praktiken; aufgrund des slawischen Einflusses in Österreich waren hier diese beiden reformatorischen Anliegen ohnehin seit langem präsent (aber ohne dass es jemals zur Umsetzung kam). Die darüber hinausgehende, eher intellektuelle und eher Adel und Bürgertum ansprechende Reformation verknüpft Winter stark mit dem 'Germanismus', der seiner Meinung nach einen für Österreich ungesunden Einfluss ausübt. Daher 'muß man die Durchführung der Gegenreformation in Österreich als die größte staatsmännische Leistung und ein überragendes Glück für seine Bevölkerung betrachten'.
Nachdem nach 1945 Rückkehrversuche zuerst scheitern, siedelt Ernst Karl Winter erst 1955 nach Wien. Dort habilitiert er sich im selben Jahr für Soziologie an der Universität Wien. Er verstirbt mit 63 Jahren und findet seine letzte Ruhestätte am Friedhof in Wien-Gesthof.
Ernst Karl Winter war einer der originellsten österreichischen visionären Denker seiner Zeit, der vieles vorwegnahm und viele prägte.
Der persönlich sympathische, bescheiden lebende Mann hat die anerkennende Erinnerung aller Demokraten verdient.
Orte
Wohnort:
Ehrung:
Quellen
Wiener Stadt- und Landesarchiv (WStLA)
Wikipedia unter de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Karl_Winter
Biolex des ÖCV unter www.oecv.at/biolex
www.austria-forum.org
